Bad Mergentheim lädt zu über 60 Literatur-Veranstaltungen an mehr als 45 Orten

von stv (erschienen in Ausgabe 03/2026)

Wer durch den wunderschönen Kurpark in Bad Mergentheim spaziert, versteht schnell, warum ausgerechnet hier, in der Konzertmuschel, im grünen Herzen der Stadt, die Eröffnung der 43. Baden-Württembergischen Literaturtage stattfindet. Vom 11. September bis zum 11. Oktober wird die Literatur von hier ausschwärmen an mehr als 45 teils außergewöhnliche Orte in und um Bad Mergentheim. Über 60 Veranstaltungen sind geplant, verteilt über vier Wochen.

Wer einen Kurort betritt, sucht selten nur einen Ort. Er sucht Linderung. Eine Pause vom Lärm der Welt, vielleicht sogar eine Antwort auf Fragen, die sich weder mit Medizin noch mit Vernunft allein erklären lassen. Genau dorthin führt Olga Tokarczuk uns mit ihrem jüngsten Roman. Die polnische Literaturnobelpreisträgerin lässt in „Empusion“ Menschen im Sanatorium eines Kurorts aufeinandertreffen – einem Ort, an dem sich Hoffnungen, Ängste und Geschichten miteinander verbinden. Mit diesem Roman reist Olga Tokarczuk am 8. Oktober nach Bad Mergentheim zu den Literaturtagen. In eine Stadt, deren Kurpark zu den schönsten Deutschlands zählt und deren Name seit 100 Jahren das Prädikat „Bad“ trägt.

„Das Abenteuer LiteraKUR, wie das Motto der Veranstaltung lautet, beginnt hier und jetzt im Herzen des Kurgebietes der Stadt Bad Mergentheim, die sich sehr darüber freut, die Literaturtage des Landes im Jubiläumsjahr 200 Jahre Heilquellen ausrichten zu dürfen. Die Stadt wird im wahren Wortsinn zur Bühne, denn die Vielfalt der Schauplätze sucht seinesgleichen“, freut sich Bad Mergentheims Oberbürgermeister Udo Glatthaar.
 
Literaturevents über vier Wochen

Das Programm sieht über 60 Veranstaltungen an mehr als 45 Orten verteilt über vier Wochen vor. Gelesen und diskutiert wird, wo sonst gelandet, gebetet oder gearbeitet wird: im Kursaal, im Stadtkloster, im Alten Rathaus, in der Werkhalle einer Firma sowie an weiteren Orten, auch außerhalb von Bad Mergentheim: Der Flugplatz Unterschüpf, die Tauberphilharmonie in Weikersheim, das Kloster Bronnbach sind weitere Schauplätze eigener Programmpunkte, ebenso die Ortsteile Hachtel, Markelsheim, Neunkirchen und Löffelstelzen.

„Es gibt in Bad Mergentheim so viele Menschen mit Leidenschaft für Literatur, wir haben Struktur, es gibt ein großes Interesse an Kinder- und Jugendliteratur. Es ist sehr viel gewachsen in den vergangenen Jahren. Umso mehr freut es uns, dass wir jetzt was zurückgeben können“, sagte der Bad Mergentheimer Tourismusdirektor Kersten Hahn und ergänzt: „Die Literaturtage sind kein Abschluss, sondern ein Zwischenschritt. Wir hatten die Heimattage mit dem Land Baden-Württemberg, jetzt die Literaturtage, in acht Jahren folgt die Landesgartenschau.“

Wie vielfältig das Programm angelegt ist, machten Kuratorin Beatrice Faßbender und Kurator Ulrich Rüdenauer auf einer Pressekonferenz deutlich: „Wir haben sehr viel Wert auf allergrößte Vielfalt gelegt. Es ist ein baden-württembergisches Literaturfestival, weshalb wir einen Schwerpunkt mit lokalen Autorinnen und Autoren hier aus der Region, der Stadt, aber eben auch aus dem Bundesland haben. Der Name Olga Tokarczuk unterstreicht wiederum, dass wir auch in die Welt hinausgehen.“

Die Vielfalt des Programms schlägt sich auch in den Orten nieder. „Wir sind mal im Café, wir sind im großen Kurhaus, wir sind in der Tauberphilharmonie, wir sind an etablierten und weniger etablierten Orten. Es war uns wichtig, möglichst viele Menschen zu erreichen – nicht nur als Besucher, sondern als eingebundener Teil des Festivals“, so Faßbender. Möglich werde all das durch eine breite Zahl an Sponsoren, Partnern und Institutionen, unterstrich die Kuratorin, die vom Zuspruch in der Stadt und Region sehr beeindruckt war. „Wir haben von Anfang an eine große Begeisterung gespürt.“

„Wir hatten die Ambition, ein Festival für die Stadt und aus der Stadt heraus entstehen zu lassen. Letztlich gab es so viele mögliche Orte, dass wir nicht alles verwirklichen können“, sagte Kurator Ulrich Rüdenauer. Bei den literarischen Gästen war es ähnlich: „Wir hatten sehr viele Autorinnen und Autoren im Kopf, die wir gerne einladen wollten. Dafür hätte man das Festival allerdings weiter ausbauen müssen. Jetzt sind es vier Wochen, die sehr intensiv werden.“

Im Rahmen der Literaturtage wird der Baden-Württembergische Verlagspreis vergeben. Eine Würdigung jener unabhängigen Häuser, die literarische Qualität überhaupt erst möglich machen.
 
Auszüge aus dem Programm

Die polnische Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk liest aus ihrem aktuellen Roman „Empusion“. Den deutschen Text liest der Schauspieler Johann von Bülow. Martina Klärle, Präsidentin der Dualen Hochschule Baden-Würt­temberg, diskutiert mit dem Philosophen Julian Nida-Rümelin und dem Soziologen Armin Nassehi über die großen Fragen von Transformation und Zukunft. Die Moderation an diesem Abend übernimmt TV-Talker Gert Scobel, der als „Grenzgänger zwischen Natur und Wissenschaft“ beschrieben wird. Giulia Enders, die mit „Darm mit Charme“ einst Millionen für ein Organ begeisterte, über das sonst nur geschwiegen wird, stellt ihr neues Buch „Organisch“ vor.

Für Literaturfans ist auch einiges dabei: So gibt es einen Lyrikabend im Stadtkloster und einen Abend mit Judith Hermann, die einst mit „Sommerhaus, später“ berühmt wurde und zu den prägendsten Stimmen der Gegenwartsliteratur gehört. Politisch wird es im Dorfgemeinschaftshaus Neunkirchen: Winfried Kretschmann, langjähriger Ministerpräsident des Landes, spricht über die Philosophin Hannah Arendt und darüber, wie sein eigenes politisches Bewusstsein einst Gestalt annahm. Musikalisch und literarisch wird es, wenn Schauspieler Matthias Brandt mit dem Pianisten Jens Thomas auftritt oder wenn Sänger und Entertainer Bernd Begemann die Bühne betritt. Im berühmten Mergentheimer Wildpark findet ein Abend zu Wolf, Schaf und Esel statt – unter anderem direkt vor dem Wolfsgehege. Sachbuchautor Caspar Dohmen spricht über sein Buch „Grün geht nur gerecht“ über den Weg in eine sozialökologische Zukunft. Evolutionsbiologe Mathias Glaubrecht widmet sich dem Artensterben und wie wir es aufhalten können.
 
Verbinden statt spalten

Ein Stadt-Land-Abend fragt nach den Vor- und Nachteilen des Landlebens. Mit Gerd Bayer (Biobauer und Abgeordneter des baden-württembergischen Landtags) und der Stuttgarter Stadtplanerin Karoline Brombach, die mit ihrer Band Die Konsequenz zudem für die passende Musik sorgt. Unter dem Motto „Verbinden statt spalten“ diskutiert Autorin Gilda Sahebi mit Achim Bogdahn und dem Publikum darüber, wie wir mit Polarisierungen in der Gesellschaft umgehen. Und eine Human Library mit „menschlichen Büchern“ versucht, Vorurteile abzubauen.

Im Hangar des Flugplatzes Unterschüpf liest Jo Lendle aus „Die Himmelsrichtungen“, seinem Roman über die Flugpionierin Amelia Earhart.
Auch für die jüngeren und ganz jungen Leser ist gesorgt: Kinderbuchautorin und Illustratorin Ute Krause stellt ihre Bücher vor – von den „Muskeltieren“ bis „Minus Drei“. Ein Poetry Slam und Workshop lockt junge Talente ins Jugendhaus Marabu. Ein Oberstufenkurs des örtlichen Gymnasiums gestaltet einen Abend zu zensierter Literatur. Beim Kinderprogramm „Lesen, lachen, Haare machen“ im Familienbüro werden Kindern, die etwas vorlesen, die Haare geschnitten.

Und der Objekt- und Sprachkünstler Bruno Nagel hat eigens für die Literaturtage eine eigene Postkarte gestaltet, die bei allen Veranstaltungen kostenlos ausliegen wird (Sie gibt es bereits in der Tourist-Information). 

Bildnachweis: Stefan Leitner

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