
Manchen Museumsbesuchern gilt Konkrete Kunst als etwas langweilig, zu abstrakt, konstruiert, steril. Doch die Sammlung Peter C. Ruppert - Konkrete Kunst nach 1945 im Würzburger Museum im Kulturspeicher, eine der herausragenden Sammlungen dieser Kunstrichtung in Europa, erfährt derzeit durch Ines Franke, eine der wohl genauesten Kennerinnen der Werke, eine Aufwertung hinsichtlich Lebendigkeit und Attraktivität der Wahrnehmung. Die Chefrestauratorin des Museums und Vorsitzende der Stiftung, der die Werke der Sammlung Peter C. Ruppert gehören, präsentiert die Arbeiten unter neuen Gesichtspunkten. Der erste Teil der Neu-Ordnung begann im 1. Stock mit Arbeiten aus den Jahren nach 1946, etwa von Vasarely oder Fruhtrunk im helleren Raum und Lichtobjekten und Meisterwerken der Konkreten Fotografie vor dunklem Hintergrund. Ende 2027 soll die Neupräsentation mit dem 3. Teil abgeschlossen sein. Im Erdgeschoss nun widmet sich der zweite Teil in den zwei ineinander übergehenden Räumen 7 und 8 dem Thema „Relief“ und den „Züricher Konkreten“.
Das Relief steht eigentlich zwischen Fläche, oft auch an der Wand, und plastischer Skulptur, wobei die Übergänge fließend sind. Sie werden durch die nachtblauen Stellwände in ihrer plastischen Wirkung noch unterstrichen. Beim Vorbeischlendern wird die Struktur belebt, die Farben können sich verändern, der Betrachter wird zum Mitschöpfer von Struktur-Ebenen, etwa beim „Schattengitter“ von Klaus Staudt. Dass das weiße Relief von Jan Schoonhoven aus Pappmaché ist, erstaunt. In diese Reihe gehört natürlich auch Günther Uecker mit seinem weißen Wandobjekt „Gegenströmung“ mit Nägeln, welche die Ebene aufbrechen.
Die Karton-Plastiken von Erwin Heerich täuschen Holz vor; sie beinhalten aber Kreise oder auf einer viereckigen Stele eine Raumarchitektur, mit einem inneren Rhythmus. Ganz langsam, fast nicht wahrnehmbar, kreisen bei Pol Bury rote, beziehungsweise braune Kreise übereinander. Die Bewegung wird kaum deutlich. Viele dieser Reliefs rufen eine optische Täuschung hervor.
Interessant sind auch die Werkgruppen aus Südamerika: Farbe und Rhythmus ändern sich bei der Bewegung des Betrachters, etwa bei Yaakov Agam oder bei Jesús-Rafael Soto. Ähnlich gestalten sich die Effekte durch Spiegel und Spiegelung bei Julio Le Prac. Diese Wirkung korrespondiert mit der bei der Raum-Plastik von Francisco Sobrino. Auch die Plastik von gedrehten, glänzenden Bändern von Walter Leblanc nutzt die Effekte des sich verändernden und belebenden Lichteffekts. Geknickte Papierstreifen bilden Plastizität bei Jiri Hilmar, und die weißen Stricke mit Nägeln erzeugen durch die Überlagerung der Strukturen bei Günther Hornig räumliche Tiefe.
Die Drehscheibe von Martin Willing auf dem Boden in der Mitte, aus einem Stück Titan gefertigt, gerät beim Anstoßen der Ringe in Bewegung. Farbiger, impulsiver und lebendiger scheinen die Exponate von jungen Künstlern der Gegenwart im hinteren Teil. Da gibt es ein gemaltes Quasi-Relief, dann eine Art gelbes Riesen-Ei aus Pappmaché mit Löcher-Linien sowie eine geflochtene „Vernetzung“ aus dunkelblauen Filz-Bändern.
Wer sich von diesem abwechslungsreichen Bereich löst, wird angezogen von der Blickachse nach hinten in den helleren Raum, durch die Metall-Skulptur in der Mitte von Max Bill hin zu Richard Paul Lohses Farbreihen. Von Max Bill, seinem Sohn und Enkel, gibt es weitere Werke zu entdecken. Hier imponieren auch die farbigen „Rahmen“ vor Weiß auf den Bildern von Verena Loewenberg wie auch der „Grenzgänger“ von Hans Jörg Glattfelder, wie nach oben schwebend, hier ist die „Pyramide“ von Angel Duarte zu bestaunen, die vor dem Licht des Fensters mit ihrer Transparenz und Mehrschichtigkeit überrascht. Auch Camille Graesers farbintensives Bild fällt auf in der ruhigen Umgebung. Gottfried Honeggers Tableau-Relief leuchtet intensiv in Blau. Eine frühe, runde Arbeit von Fritz Glarner zeigt die Beziehungen zu Piet Mondrian. Diese vielfältigen Werke geben einen sehr abwechslungsreichen Eindruck von den variablen Ausprägungen der Konkreten Kunst.
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