„Linie und Form“ zeigt italienische Zeichnungen aus der Sammlung Martin von Wagners

von Renate Freyeisen (erschienen in Ausgabe 01/2026)

Einen großen Schatz beherbergt das Würzburger Martin von Wagner-Museum in der Residenz: Über 2000 italienische Zeichnungen der Renaissance und des Barock. Gesammelt hat sie der Kunstagent des späteren bayerischen Königs Ludwig I., Martin von Wagner (1777-1858) und übermachte sie später der Universität seiner Geburtsstadt Würzburg. Eine kleine Auswahl von 2104 Werken aus dem 15. bis 18. Jahrhundert, nämlich 77 Blätter, sind nun in der kleinen Galerie des Martin von Wagner-Museums zu bestaunen unter dem Titel "Idee und Linie".

Die zeichnerische Linie kann sowohl plastische Körperlichkeit, malerische Vielfalt und dynamische Bewegung ausdrücken, neben dem flüchtigen Erfassen einer Augenblicks-Impression. Die Ausstellung, nach acht Themenbereichen gegliedert, beginnt unter dem Begriff "Gewand und Haltung" gleich mit einer "Figur im Mantel" vom Ende des 15. Jahrhunderts. Die meisterliche Silberstiftzeichnung ist durchaus in die Nähe zu Botticelli zu rücken. Der Schwerpunkt liegt auf der menschlichen Figur, wie den eindrucksvollen Gestalten des Propheten Jesaja oder des Apostels Andreas, bei der sanften Gruppe von Mutter und Kind oder der entschiedenen Gestik einer Justitia.

Häufig sind dies Entwürfe für die Ausmalung von Kirchen. Manche Zeichnungen aber charakterisieren typisch menschliche Verhaltensweisen, etwa bei einem stolzen Schauspieler, bei einer betrügerischen Sternendeutung mittels Fernrohr oder dem zufriedenen Dasein von drei Mönchen. Die Aktzeichnung war wichtig für die Darstellung von mythologischen oder christlichen Themen und diente als Beweis zeichnerischen Könnens. Da gibt es vielfigurige Blätter, solche mit weiblichen Akten oder stehenden männlichen Akten, aber auch einen ausdrucksvollen, sitzenden männlichen Akt von Bernini oder eine liegende Aktfigur, die an einen toten Christus erinnert.

Wenige Blätter befassen sich mit Natur und Tieren, umso imponierender sind da in ihrer Dynamik die bewegte "Tigerin im Sprung" von Romano, aber auch die schönen Pferde vom Markusdom. Klassische Bauformen Roms und die zugehörige Ornamentik regten an zur Nachahmung in der Architektur von Kirchen. Die zeichnerische Beherrschung der nackten menschlichen Figur vor allem bei Szenen aus der antiken Mythologie war Voraussetzung für Darstellungen aus den Dichtungen von Ovid oder Homer, wie etwa beim Urteil des Paris. Natürlich war auch das Porträt, der Kopf, ein wichtiger Gegenstand des Zeichnens für emotionalen Ausdruck. Zu verfolgen etwa bei den Studien eines weiblichen Kopfes bei Barocci oder beim wunderbar lebendigen Porträt einer jungen Dame von Bernini. Madonnendarstellungen, die Kreuzigung Jesu und die Verherrlichung Marias waren beliebte zeichnerische Themen.

Auch die Geschichten des Alten und Neuen Testaments regten zum Zeichnen an; besonders dramatisch bewegt ist dabei "Esther vor Ahasver" aus dem Umkreis von Tiepolo. Der kleine Einblick in die umfangreiche Zeichnungs-Sammlung von Martin von Wagner wird begleitet von einem informativen Kurzführer. Bis 22. März 2026.  

Bildnachweis: Martin von Wagner Museum

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