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„Große Geister“ lautet das Credo für die zweite Saison unter Intendant John von Düffel. Gemeint ist damit nicht nur das Leuchten der Ideen, sondern auch ihr Schatten. Geist und Ungeist, Inspiration und Verführung, Fortschritt und Kontrolle bilden die Achse eines Spielplans, der von E.T.A. Hoffmann zu Heinrich von Kleist führt und zugleich tief in die Gegenwart schaut. Den Auftakt macht am 17. September im Studio „Sophia oder das Ende der Humanisten“ von Moritz Rinke. Im Zentrum steht eine perfekte KI-Frau, die zunächst als kontrollierbare Gesprächspartnerin erscheint und dann aus den programmierten Bahnen gerät. Eine absolut sehenswerter heiter-dystopischer Ritt über Technikgläubigkeit, Begehren und die alte Frage, was vom Menschen bleibt, wenn der Geist aus der Maschine antwortet.
Am 18. September folgt im Großen Haus Henrik Ibsens „Borkman“. Der Banker John Gabriel Borkman war einst Hoffnungsträger, dann Bankrotteur, Häftling und schließlich Gespenst seiner selbst. Um ihn herum kämpfen zwei Frauen um Sohn, Erbe, Gerechtigkeit und Deutungshoheit. Mit Marianna Linden und Susanne Wolff in zentralen Rollen verspricht der Abend ein starkes Frauenstück über Macht, Schuld und den langen Nachhall zerstörter Lebensentwürfe. Am 16. Oktober bringt die „ETA Show: Große Geister“ das Spielzeitmotto selbst auf die Bühne. Daniel Seniuk und John von Düffel nehmen den Titel beim Wort und machen daraus einen Abend, der das Theater als Ort der Beschwörung versteht. Hier wird der Spielplan nicht erklärt, sondern lässt auf humorvoll-musikalische Weise aufleben, was so alles in den Mauern des ETA Hoffmann Theaters steckt.
Am 30. Oktober folgt Walter Jens’ „Judas. Die Verteidigungsrede des Judas Ischariot“. Der vermeintlich größte Verräter der christlich-abendländischen Kultur erhält das Wort. Gerade unter dem Vorzeichen von Geist und Ungeist liegt darin eine besondere Spannung, denn der Abend fragt, wer Geschichte schreibt, wer Schuld verteilt und ob eine Figur mehr sein kann als ihr Verdammungsurteil. Das ist Bibellektüre auf Hochspannung!
Charles Dickens’ „Die Weihnachtsgeschichte“ steht kurz vor dem Fest ebenfalls auf den Spielplan. Auch diser Stoff passt präzise ins diesjährige Motto. Denn die Geister der Weihnacht führen den Geizhals Scrooge durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und zeigen, dass Verwandlung möglich bleibt. Ein sehenswerter Familienklassiker, der Moral nicht predigt, sondern als nächtliche Heimsuchung erfahrbar macht.
Am 9. Januar folgt mit der Uraufführung „Kleist, Ulrike von“ von Lea Mantel eine Spurensuche nach der Schwester Heinrich von Kleists. Das Stück fragt nach Lebenswegen, Handlungsspielräumen, Machtverhältnissen und einer komplexen Geschwisterbeziehung. Gerade im Übergang von 250 Jahren E.T.A. Hoffmann zu 250 Jahren Heinrich von Kleist öffnet sich hier ein anderer, weiblicher Zugang zur Geistesgeschichte. „Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Glauben ist Wissen.“
Das neue Jahr beginnt mit einer düsteren Zukunftsvision. Denn am 15. Januar 2027 feiert George Orwells „1984“ Premiere. Big Brother kontrolliert nicht nur Handlungen, sondern Gedankenräume. Der Ungeist totalitärer Sprache, Überwachung und Selbstzensur macht den Stoff bedrückend aktuell. Ein unbedingt sehenswerter Klassiker, der nicht museal geworden ist, sondern mit jeder neuen Krise der Demokratie schärfer wirkt. Am 11. März 2027 folgt Lauren Gundersons „The Revolutionists“ als deutschsprachige Erstaufführung. Vier Frauen der Französischen Revolution treten mit Wortwitz, Mut und tragikomischer Wucht gegen die Ausschlüsse ihrer Zeit an. Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit lautet die Kampfansage. Eine temporeiche Komödie über Erinnerung, Sichtbarkeit und die Frage, wessen Geist in der Geschichte fortlebt.
Tags darauf startet Michael McKeevers „Der Code“ als deutschsprachige Erstaufführung. Die Komödie führt ins Hollywood der 1950er Jahre, wo ein restriktiver Code über Image, Karriere und private Abweichung entscheidet. Der Abend verspricht pointiertes Theater über Normierung, Anpassung und die Frage, wie liberal eine Traumfabrik wirklich ist. Perfekt hinein in den Reigen passt auch Georg Büchners „Woyzeck (Volxmusik)“. Zu sehen ist der Klassiker über Armut, Ausbeutung und psychische Zerrüttung in einer szenisch-musikalischen Cross Over-Fassung ab dem 30. April 2027. Derweil fragt die britische Erfolgsautorin Lucy Prebbles „The Effect“ bereits ab dem 23. April nach Liebe, Hirnchemie und freiem Willen. Zwei Menschen geraten in einer Versuchsanordnung an die Grenze zwischen Gefühl und pharmakologischem Effekt. Ein kluges Gegenwartsstück über die Verführbarkeit des Ichs.
Den krönenden Abschluss der Spielzeit 26/27 bilden natürlich die Calderón-Spiele in der Alten Hofhaltung. Freuen darf sich das Publikum ab 25. Juni 2027 auf Shakespeares „Viel Lärm um nichts“. Benedikt und Beatrice liefern sich Wortgefechte, während Intrigen die Liebe anderer beschädigen. In diesem Spiel aus Esprit, Täuschung und Erkenntnis zeigt sich schließlich noch einmal, wie nah Geist und Ungeist im Theater beieinanderliegen.
Info: www.theater.bamberg.de




