Leonhard-Frank-Stipendiatin Annika Henrich verwandelt „Das Rathaus“ in einen Resonanzraum

von Nicole Oppelt (erschienen in Ausgabe 01/2026)

Sind wir doch mal ehrlich: Das Rathaus ist ein Ort, den alle kennen und doch selten wirklich wahrnehmen. Man geht hin, erledigt etwas und geht wieder. Die Leonhard-Frank-Stipendiatin Annika Henrich hat genau dort angesetzt und einen Raum betreten, der Verwaltung, Macht und Öffentlichkeit bündelt und zugleich voller menschlicher Bruchstellen ist. Das Ergebnis zeigt das Mainfranken Theater seit Anfang Februar auf der Probebühne in einer Inszenierung von Tamó Gvenetadze.

Literarisch spannend wurde das Rathaus für Annika Henrich dank einer ganz konkreten Situation. „Das war bei einem Besuch im Bürgeramt in meiner Heimatstadt“, erinnert sich die in Gießen geborene Autorin im Gespräch mit Leporello. Die dortige Begegnung mit einer Frau, die ihren Hund nicht mit zum Termin bringen durfte und im Wartezimmer über ihre Einsamkeit sprach, wurde zum Keim ihres Stücks. Später, in Gesprächen über Rechtsruck, Einsamkeit und demokratische Entfremdung, verdichtete sich diese Erfahrung. Beim Besuch des Würzburger Rathauses fügte sich schließlich alles zusammen. Im Zentrum von „Das Rathaus – Liebe Leute“ steht die Suche nach emotionalen Wahrheiten. Die Figuren begegnen sich zunächst mit Wut, Sarkasmus oder Abgrenzung. Doch darunter liegt etwas anderes. „Die Wahrheit, die nach und nach klarer wird, ist, dass darunter eigentlich eine Traurigkeit liegt oder eine Einsamkeit oder der Wunsch nach
Verbindung.“

Theater ist für Henrich der Ort, an dem sich diese Schichten freilegen lassen. Denn gerade der nüchterne, rationale Raum verstärkt diese Spannungen: Persönliche Sehnsüchte prallen auf starre Raster, individuelle Verletzlichkeit auf institutionelle Kälte. Darin liegt ein tragisches, manchmal auch komisches Potenzial – ein Umstand, der in Würzburg aufs Genussvollste zum Tragen kommt. Das Rathaus ist bei Henrich, die sich als „Beobachterin der Gegenwart“ versteht, zugleich zeitdiagnostisch und überzeitlich. Aktuell sind die Sätze, die man „auch viel auf der Straße hört“. Parabelhaft ist der Blick auf Gemeinschaft selbst, auf ihre Ambivalenzen, ihre ausgrenzenden und verbindenden Kräfte und auf die Frage, „ob wir das überhaupt noch aushalten können“. Beim Schreiben haben Henrich die Figuren manchmal selbst überrascht, gesteht sie. Sie sind nicht unbedingt sympathisch, tragen Widerstände in sich, werden aber gerade dadurch nah.

Sprache spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie ist fragmentarisch, voller Floskeln und Ellipsen. „Man ergänzt sie eigentlich automatisch im Kopf“, sagt Henrich. In diesen Bruchstücken schwingen Weltbilder mit, ohne je explizit zu werden. Verschleierung wird zur Form von Machtausübung. Eindeutige Schuldzuweisungen vermeidet das Stück bewusst. „Ambivalenzen gibt es auf jeden Fall“, sagt Henrich, ohne moralisch gleichgültig zu sein. Und Humor hilft! Bürokratie bringe schließlich ihre eigene Absurdität mit, über die man lachen kann und über sich selbst gleich mit. Was soll also bleiben nach einem solchen Theaterabend? „Vielleicht erstmal ein Gefühl“, sagt Henrich. Im besten Fall Empathie und die Ahnung, dass es trotz aller Schwierigkeiten gut und notwendig ist, sich auf Demokratie und Gemeinschaft einzulassen.

Bildnachweis: Nik Schölzel

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