Überlegungen zur Zukunft des Schweinfurter Theaters

von Lothar Reichel (erschienen in Ausgabe 1/2023)

Es fehlt. Man hat sich zwar nach fast drei Jahren Pandemie an Vieles gewöhnt und auch gelernt, manches im Leben anders zu machen. Und nicht alle alten Gewohnheiten sind wie selbstverständlich zurückgekommen, als allmählich so gut wie alles wieder möglich wurde. Und ausgerechnet jetzt gibt es kein Schweinfurter Theater mehr. Das heißt, es gibt es schon noch, aber es wird saniert. Bedeutet: völlige Schließung des Hauses. Ein Ersatzprogramm wird an verschiedenen Orten angeboten, aber das, was wir seit über fünfzig Jahren gewohnt waren, ist erstmal weg.

Die Wundertüte, die von September bis Juli unaufhörlich Köstlichkeiten aller Art bereithielt und präsentierte, gibt es nicht mehr. Und viele fragen sich: Wird es sie in der verschwenderischen Fülle von einst überhaupt wieder geben? Das Haus an der Roßbrunnstraße mag nach der Sanierung in neuem Glanze strahlen ob die glänzenden alten Zeiten wiederkommen, steht auf einem anderen Blatt. Am guten Willen und den Fähigkeiten der neuen TheaterleiNetflix gegen Shakespeare?

Überlegungen zur Zukunft des Schweinfurter Theaters tung wird es gewiss nicht liegen, aber die Diskussionen um den aktuellen Wert von Kultur und deren Finanzierung haben sich überall spürbar geändert. Und das, was das geneigte Publikum von früher goutieren konnte und mochte, hat sich auch deutlich gewandelt. Das Schweinfurter Theater war über fünfzig Jahre der Prototyp eines bildungsbürgerlichen Musentempels, in dem ganz selbstverständlich das gesamte abendländische Kulturgut auf die Bühne gebracht wurde. Renommierte Ensembles spielten alle Klassiker von Äschylos bis Camus, Orchester wie die Bamberger Symphoniker brachten das Repertoire von Bach bis Ligeti auf höchstem Niveau zu Gehör, selbst die große Welt der Oper war im kleinen Schweinfurt präsent.

Wird das wieder so sein? Kann das überhaupt wieder so sein? Muss es wieder so sein? Denn vom lieben Geld einmal abgesehen, hat sich die Gesellschaft hierzulande verändert. Es ist nicht mehr ein Wert an sich, im Anzug und Abendkleid in den Musentempel zu schreiten und bei Sekt in der Pause mit dem zufrieden zu sein, was da im Abonnement geboten wird. Denn es gibt unzählige andere Möglichkeiten und Alternativen. Und sie sind leicht und oft auch billig zu haben. Plakativ gesagt: Netflix gegen Shakespeare. Oder, nicht ganz so plakativ: Die Mediatheken halten auch so gut wie alles bereit, was man „früher“ nur im Theater sehen konnte. Und es stellt sich ganz generell die Frage, ob die jetzigen und kommenden Generationen das überhaupt noch sehen und hören wollen, was die abendländische Wundertüte ihren Eltern und Großeltern so alles geboten hatte. Freilich, dieser Kulturpessimismus ist nicht neu, und solche Fragen wurden auch vor fünfzig Jahren schon gestellt. Aber vielleicht haben sie sich verschärft und sind drängender geworden.

Vielleicht ... Doch vielleicht kommt es auch anders, und das frisch sanierte Schweinfurter Theater wird uns neu überraschen. Man wird sehen. Im Augenblick jedenfalls fehlt es!

Bildnachweis: Christoph Thein

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