Das Chambinzky Hafentheater startet mit einem temporeichen „Tartüff“ in die neue Saison

von nio (erschienen in Ausgabe 03/2026)

John von Düffels Meta-Komödie holt Molières Satire über Moral, Macht und Geld mit viel Spielfreude ins 21. Jahrhundert.Es ist eine Familie, die über ihre Verhältnisse lebt. Eine Familie, die fest mit einem Erbe rechnet, das längst zu großen Teilen aus Schulden besteht. John von Düffel hat Molières „Tartuffe“ und „Der Geizige“ zu einer Meta-Komödie verschmolzen und damit Molières Familienchaos ziemlich treffsicher in unsere Gegenwart geholt. Regisseurin Angelika Hofstetter macht daraus im Chambinzky Hafentheater einen Abend, der kaum einmal stillsteht. Schon die Bühne macht klar: Dezent wird dieser Abend nicht. Kunterbunt, schief, verspielt, ein bisschen wie aus einem Salvador-Dalí-Traum gefallen.

In dieser grellen Welt sind Orgon und seine Familie ziemlich genau richtig aufgehoben. Sparen? Schwierig, wenn nicht gar unmöglich! Schließlich gilt: „Kohle ist der Brennstoff unserer Liebe.“ Und überhaupt: „Glaubt man euch das Erbe, existiert es auch.“

Klingeling… Sobald das Stichwort „Erbe“ fällt, taucht nicht nur Orgons Tochter Mariane, die potenzielle junge Erbin des mütterlichen Vermögens, auf, es klingelt auch die Kasse. Ein herrlicher kleiner Gag, der schon Anfang dieses Jahres in Bamberg funktionierte und nun auch in Würzburg mit schöner Zuverlässigkeit zündet. Apropos „zünden“: Das Stück setzt auch auf ein enormes sprachliches Tempo. Kaum ist eine Pointe im Saal angekommen, folgt schon die nächste. „Heiterkeitsinkontinenz“, „Moralökonomie“, „Nachhaltigkeitsnazi“: Von Düffel feuert die Wortschöpfungen gefühlt im Sekundentakt ab. „Wir sind auf Licht-Diät“, heißt es einmal. Und wenn Liebe und Vermögen endgültig nicht mehr auseinanderzuhalten sind, bleibt nur das Versprechen: „Geld für Liebe in guten wie in besseren Zeiten.“

Dabei bleibt es nicht beim schnellen Wortwechsel. Monika Schiefer, Sarah Béke, Richard Baudach, Lilou Singer, Wernher von Schrader und Wolfgang Stenglin werfen sich teils mit vollem Körpereinsatz in diese zunehmend aus den Fugen geratende Familie. Doch auch abseits der Dialoge gibt es viel zu entdecken. Selbst die Titelmelodie der „Lindenstraße“ darf als augenzwinkernder Soundtrack dieser völlig aus dem Ruder laufenden „Familienserie“ herhalten. Richtig komisch wird es obendrein, als Mutter Elmire und Tartüff aufeinandertreffen und Orgons Sohn Damis und Oma, pardon, Madame Pernelle, sie im Hintergrund belauschen. Im Schattenspiel werden die beiden heimlichen Beobachter selbst zum kleinen Stück im Stück. Ihre Kommentare machen die Szene noch absurder. Dazu passt der kleine Running Gag: „Ich hasse es zu flüstern. / „Ich versteh ihn so schlecht.“ Hinter dem ganzen Irrsinn steckt allerdings eine ziemlich unangenehme Idee. Familienvater Orgon holt Tartüff schließlich ins Haus, weil seine Familie nicht hören will. Der selbsternannte Moralapostel soll richten, was der Vater nicht mehr zu richten vermag: weniger Konsum, weniger Verschwendung, mehr Bescheidenheit. „Sein Geist ist der Geist der Zeit, die kommt“, sagt Orgon über ihn.

Und plötzlich sitzt der Satz zwischen all den Lachern ziemlich unbequem. Denn dieser Tartüff predigt den Verzicht vor allem für die anderen. Und diese Entwicklung zieht Hofstetter bis in Bühne und Kostüme hinein. Es dauert nicht lange, bis die Farbe aus dieser schönen, schrillen Welt zu weichen scheint. Beide werden trister. Das grelle, glänzende Äußere wirkt plötzlich verbraucht und heruntergekommen. Je schlechter es um die Familie steht, desto weniger bleibt auch optisch von ihrem schönen Schein. Hofstetter braucht dafür keinen erhobenen Zeigefinger. Man lacht viel. Und manchmal ein bisschen zu lange, weil einem dämmert, dass einem diese Welt aus Konsum, Moral und geborgtem Wohlstand gar nicht so fremd ist. Klingeling… 

Info: www.chambinzky.com/spielplan



Bildnachweis: Oliver Mack

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