Der Verlag hinter Leporello und Leporellino
Der Ball ist...
„Es gibt nur etwas, das noch
sinnloser ist als Fußball: Nachdenken
über Fußball.“ Schrieb
Martin Walser. Er hat ja so recht.
Nur wird es vermutlich so sein,
dass er trotzdem Fußball guckt.
Vielleicht sogar Bier dazu trinkt.
Und lauthals „Toor“ schreit. Natürlich
für Deutschland ist, das
ist er ja sowieso. Eine Fahne am
Auto wird er hoffentlich nicht
spazierenfahren, aber wer weiß
das schon. Vielleicht beflaggt er
sein Haus am Bodensee. Denn
auch Schriftsteller und Künstler
sind für Fußball, und deutsche
Schriftsteller und Künstler sind
dann auch für Deutschland.
Letzteres ist irgendwie natürlich,
ersteres nicht unbedingt. Denn
Fußball ist ein Massensport, bei
dem Massen johlen und lärmen.
Und Schriftsteller und Künstler
distanzieren sich gern von der
Masse, machen sich nicht gemein.
Beim Fußball ist das aber
anders. Viele Intellektuelle mögen
Fußball. Schauen Fußball.
Reden über Fußball. Sie philosophieren
sogar darüber. Sie stellen
gedankliche Verbindungen zu
den erhabenen Wettkämpfen der
Antike her. Sehen in hundsgewöhnlichen
Fußballspielern heldenhafte
Gladiatoren. Sprechen,
wie der spanische Erfolgsautor
Javier Marias, sogar von „tragischen
Charakteren“. Das Fußballstadion
als Verheutigung der
Schlachtfelder früherer Zeiten.
Nation gegen Nation, Mann gegen
Mann. Der Ball als Symbol
des Globus, der Erdkugel, mit
der titanenhafte Göttersöhne ihr
Spiel treiben. Allerdings können
alle hochintellektuellen Fußballfans
nicht in Abrede stellen, dass
Fußball als Sujet der Hochkultur
nie getaugt hat. Der Malerfürst
Markus Lüpertz hat zwar mal einen
Fußball gemalt (was nicht so
schwer ist), aber sonst Fehlanzeige.
Von Fra Angelico bis Picasso
ist da nichts überliefert. Und
auch die Literatur schweigt zu
diesem Thema. Gut, Peter Handke
ist da wieder ein bisschen aus
der Reihe getanzt, aber auch nur
scheinbar. Seine Erzählung „Die
Angst des Tormanns beim Elfmeter“
ist nämlich überhaupt kein
Fußballbuch, sondern die triste
Geschichte eines Mörders auf
der Flucht; der Typ heißt Bloch
und könnte höchstens über das
Prinzip Hoffnung irgendwie mit
den Ambitionen der deutschen
Nationalmannschaft in Verbindung
gebracht werden. Und auch
die Musik, der ja Bewegung und
Rhythmus innewohnt, hat – es
ist von der klassischen Musik die
Rede! – die mehr oder minder
rhythmischen Bewegungen eines
Fußballspiels nicht in Töne überführt.
Gustav Mahler hat seine
90-minütigen Symphonien anderen
Dingen gewidmet. Selbst
John Cage oder Karlheinz Stockhausen,
sonst für jeden Blödsinn
zu haben, kamen nicht auf die
Idee, ein Streichquartett für 22
Holzbläser, einen Lederball und
eine Trillerpfeife zu komponieren.
Was eigentlich schade ist.




