„Genießen im Dunkeln“ feiert vom 10. Januar bis 24. März 2018 sein 15-jähriges Jubiläum

von Susanna Khoury (erschienen in Ausgabe 2017/18)

Bernhard Reiser war und ist immer noch beeindruckt, was das Blindeninstitut Würzburg leistet. Er wollte sich mit seiner Profession hier einbringen und mitarbeiten, dass Blindheit „salonfähig“ und erlebbar wird. 15 Jahre Erfolgsgeschichte „Essen im Dunkeln“ sprechen für sich! Das Konzept ging auf zum Wohle aller!Plötzlich ist es dunkel und zwar stockdunkel.

Der Gast betritt vom Vorraum aus bei Bernhard Reiser am Stein einen Raum und ist von nun an auf seine restlichen vier Sinne, die auditive Wahrnehmung mit den Ohren, die olifaktorische mit der Nase, die gustatorische mit der Zunge und die taktile mit der Haut (Tastsinn) zurückgeworfen.

Die visuelle Wahrnehmung mit den Augen ist ausgeschaltet. Das Auge isst heute mal nicht mit!

Das Auge sucht im Raum nach Lichtquellen und findet keine. Manchen Gästen bereitet das Unbehagen.

Der Sternekoch, der das Konzept vor 15 Jahren in Zusammenarbeit mit dem Blindeninstitut Würzburg entwickelt hat, erläutert das auch gleich zu Anfang.

„Falls jemand Panik bekommt, oder der Meinung ist, er müsse hier raus, solle er sich beim Personal melden. Dieses begleite den Gast dann nach draußen. Blinde Menschen haben mit Dunkelheit um sie herum kein Problem mehr. Sie haben es gelernt, ihren anderen Sinnen zu vertrauen. Gesunde, sehende Menschen, denen das Visuelle plötzlich genommen wird, reagieren ganz unterschiedlich – von „okay, ungewohnte Situation, aber wird schon gehen“ bis „das halt ich nicht aus“.

Die lichtempfindliche Linse des Auges sammelt beim gesunden Menschen Lichtstrahlen und gibt diese an die Netzhaut weiter, die daraus Informationen fürs Gehirn generiert.

Durch den verbindenden Draht vom Sehnerv zum Gehirn kann sich der Mensch schnell gut vorstellen, wie die Welt da draußen beschaffen ist.

Manchmal reichen auch Puzzleteile, sprich verschwommene Umrisse, so dass das Gehirn durch Erfahrung und Übung, den vermeintlich übrigen Teil des Bildes selbst ergänzen kann.

Bei absoluter Dunkelheit entfällt auch dieses großartige Zusammenspiel von Sehnerv und Gehirn zur Identifizierung der Welt. Wenn sich das Auge dann an die Dunkelheit gewöhnt hat, kommt die nächste Herausforderung.

Essen und Trinken an einem Tisch mit mehreren Personen, ohne zu wissen: Wo sitzt mein Nachbar? Wo steht mein Glas? Wo liegt mein Besteck? Die verbleibenden vier Sinne organisieren nun das Essen im Dunkeln für den Gast – vier Gänge lang.

„Die Idee ist zusammen mit dem damaligen Stiftungsleiter Dr. Neugebauer zum 125 Jubiläum des Blindeninstituts entstanden. Wir wollten Blindheit für den Sehenden erlebbar machen und zwar ohne Mitleid zu erwecken“, erzählt Bernhard Reiser von den Anfängen.

Es soll auch ein Statement gegen die um sich greifende Oberflächlichkeit der Menschen sein: Im Normalfall nehmen wir 80 Prozent der Umwelt visuell wahr und das ist oft (ent-)täuschend. Wir lassen uns blenden von Äußerlichkeiten.

Fallen diese weg, gehen die 80 Prozent in andere Kanäle und dann wird es spannend und echter“, so der Kochprofi und Ernährungscoach Reiser.

Auch Bernhard Reiser konnte nicht von Anfang an mit der Situation umgehen, er hatte vor der Zusammenarbeit mit dem Blindeninstitut nie mit Blinden zusammengearbeitet: „Als ich dies erste Scheu ablegte und eintauchte in eine sehr spannende Welt ohne Sehen, wo es um das Fühlen, Riechen, Schmecken und Hören geht, habe ich etwas Elementares gelernt. Ich habe erfahren, wenn man unsicher ist beim Kauf von Kleidung etwa … einfach die Augen schließen und fühlen, wie sich das Tragen anfühlt. Das mache ich heute immer noch. Ich kaufe also nicht mehr nach Aussehen, sondern nach Gefühl!“

Bildnachweis: Norbert Schmelz Fotodesign

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