Triennale-Gewinner Matthias Böhler und Christian Orendt bis 27. Mai zu Gast in Schweinfurt

von Renate Freyeisen (erschienen in Ausgabe 3/2018)

„Give us dear“ ist die Installation gleich am Eingang der großen Halle in der Kunsthalle Schweinfurt betitelt, die ein menschenaffenähnliches Wesen zeigt, das ausgeweidet wird. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen.Weltverbesserer sind sie nicht unbedingt, Matthias Böhler und Christian Orendt, aber sie wollen Denkanstöße geben mit ihrer Ausstellung „Epimetheus’ sample kit“ in der Schweinfurter Kunsthalle über den Fortschrittsglauben und seine Konsequenzen.

In acht sehr unterschiedlichen Werken, von der Installation über Objekte, Skulpturen, Projekte bis zum Video wollen sie zeigen, dass der homo sapiens, der versucht, Ordnung ins Leben zu bringen, mit seinem Handeln in letzter Konsequenz die Erde zerstört.

Die beiden Künstler, die nach gemeinsamem Studium in Nürnberg seit zehn Jahren zusammen arbeiten, kritisieren am Menschen, dass er sich für sehr schlau hält, im Grund aber doch nur ein primitives Wesen mit beschränkten Fähigkeiten ist wie der trottelige Bruder des Prometheus, Epimetheus, der Verursacher von Mängeln, die er nicht ausgleichen konnte.

Den Beginn des Rundgangs zwischen hohen grau-braunen Wänden markiert mit „Give us dear“ eine fast gruselige Installation: Ein riesiges Pelztier, eine Art Affenmensch, liegt am Boden, wird ausgeweidet von 400 winzigen durchsichtigen Wesen, Maden gleich, die mittels Treppen, Kränen, Aufzügen, Wägen und Karren in Miniformat alles Verwertbare, Nägel, Zähne, Haare, Tränen etc. wegtransportieren in eine Art Mauseloch an der Wand.

Daneben geht es in ein Video-Kabinett, „A mess carol“, wo verschwommene Gespenster der Vergangenheit Anwesenden auf Englisch die Leviten lesen.

An der Wand dann „Die Verhältnisse“, hölzerne „Tortengrafiken“, geordnet aufgereiht, mit fast unlesbaren Schildchen darunter wie „Opferbereitschaft“ oder „Beratungsbedarf“, aber nicht mehr gebraucht.

In der nächsten Abteilung empfängt den Besucher die „Mehrung“, entstanden in einer performance durch zwölf Performer, die in zwei Stunden ein Idol nachbauen sollen; für diese satirische Arbeit ist eine große, nach oben weisende Skulptur, eine Art „Glaubensgötze“ Vorbild.

Das Ganze ist aber auch zu verstehen als Parodie auf das Entstehen von Kunstwerken.

Ergebnisse von früheren Aktionen sind auf Regalen zu besichtigen. „Akkoord“ befasst sich mit unserer rasanten Lebensweise, zeigt die Sorge darum auf, visualisiert Lösungsmöglichkeiten, ausgehend von einer Fabrik im Kleinformat, die Herzen ausspuckt vor einer Wand mit dem Schatten unserer Weltkarte und mit Postern oder Collagen, wobei Negatives oder Düsteres „geschönt“ wird etwa durch Smileys.

Der hintere Teil der Kunsthalle wird eingenommen von drei detaillierten, monströsen Installationen, „Der gute Wille 1-3“. Hier geht es um ökonomische Produktions-Kreisläufe, die aber letztlich vergeblich sind: Eine bis ins Kleinste gebaute schmutzige Erdölraffinerie, von der aus Mini- LKW auf einer langen Straße zu einem Tunell fahren, wo sie kollidieren, eine Fischmehl-Anlage, vor der ramponierte Kutter auf einem „Meer“ schwimmen und wo dann der Abtransport der Produktion im Maul einer riesigen Katze verschwindet, und um die künstliche Bewässerung der Wüste, wo das so erzeugte Grün durch LKW eine Rampe hoch gefahren wird und oben in einer Art Wolke, im Nirgendwo landet.

All dies erzählen die beiden Künstler in ihren bis ins Kleinste realisierten, aufwendig gebauten Modell-Objekten auf beeindruckende Weise.

INFO: Öffentliche Führungen durch die Ausstellung können jeden Donnerstag um 18 Uhr und am Sonntag um 11 Uhr besucht werden. Die Ausstellung ist bis 27. Mai Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr und Donnerstag bis 21 Uhr zu besichtigen.

Bildnachweis: Petra Jendryssek

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