Der Verlag hinter Leporello und Leporellino
Traumwelt Tibet
Europa und der Rest der Welt… Seit der Antike waren die Menschen der „Alten Welt“ nicht fähig, die fremden Welten rundherum so wahrzunehmen, wie sie tatsächlich waren und sind. Immer wurde verglichen, eingeordnet, bewertet und meist abgewertet. Oder die eigenen Sehnsüchte und Träume wurden in die Fremde hinein projiziert, die dann als Paradies, als Utopia, als romantische Kulisse zu fungieren hatte. So geschah es mit der Südsee, dem Orient und – ganz eklatant bis heute – mit Tibet. Das „Dach der Welt“, von den wenigstens bereist und wirklich gekannt, wurde seit dem frühen 17. Jahrhundert, als erstmals Jesuiten in Westtibet unterwegs waren, mißverstanden und zur Traumwelt hochstilisiert. Schon damals scheint jene Urlegende entstanden zu sein, daß irgendwo im Himalaya das Weltwissen von weisen Männern gehütet wird, daß der Schlüssel zu allen Rätseln und Geheimnissen dieser Welt dort zu finden sei. Abenteurer und Phantasten strickten fleißig an diesem Mythos, ob sie nun Helena Petrovna Blavatsky, Alexandra David-Neel, Georgei Ivanovich Gurdjieff oder Nicholas Roerich hießen. Unter der Schirmherrschaft von Heinrich Himmler stapfte gar eine Expedition der SS-Organisation „Ahnenerbe“ durch Tibet, und nach dem Krieg sorgte Heinrich Harrer mit „Sieben Jahre in Tibet“ für ein durchaus romantisches Bild einer in tiefer Harmonie verweilenden buddhistischen Idylle. Zuvor schon hatte der Roman „Lost Horizon“ von James Hilton den alten Shambhala-Mythos um das Zauberwort „Shangri-La“ bereichert; viele Romane und Filme griffen den Zauber dieser Namen auf, selbst Tibet-Comics waren eine ganze Weile en vogue, „Tim und Struppi in Tibet“ ist nur einer davon. Schließlich entdeckten die von der abendländischen Kultur und der christlichen Religion enttäuschten Sinnsucher aus den wohlhabenden Zivilisationen des Westens den tibetischen Buddhismus, nahmen „Zuflucht“ zu authentischen und obskuren Lamas und entwickelten auf dem raschen Weg zur Erleuchtung eine eigene, oft simple Tibet-Religion mit manchmal ans Hysterische grenzender Verehrung des Dalai-Lama. Vieles, was die Geschichte, Kultur und Religion Tibets kompliziert und unzugänglich macht, wird dabei großzügig übersehen. Inzwischen hat sich interessanterweise sogar ein eigener Zweig der Kulturwissenschaften etabliert, der die Ursachen und Auswirkungen für das verzerrte Tibet-Bild des Westens erforscht. Tibet und der Rest der Welt…




