Der Verlag hinter Leporello und Leporellino
Der zerrissene Zecher
Ein einfach gezeichneter Pokal bedeutet Zecherei, ein Pokal mit Flügeln heißt, dass Ernst Theodor Amadeus Hoffmann in Bambergs Theaterlokal „Rose“ das „Poculieren“ wieder einmal bis zum Rausch getrieben hatte. So hat er er es im Tagebuch markiert. Beim Gang durch Bamberg fällt es nicht schwer, den Spuren des genialen Romantikers zu folgen: Gegenüber vom Theater, am Schillerplatz, liegt das schmale Haus, dessen zweiten Stock nebst „Poetenstübchen“ im Dachgeschoss Hoffmann mit seiner Frau Mischa bewohnte. Es ist die einzige Wohnung des Allround- Künstlers, die erhalten geblieben ist. Nicht weit weg, auf der Langen Straße, findet sich unter Nummer 13 ein repräsentativerer Bau. Dort lebte die Witwe Franziska Mark mit ihren Kindern. Hoffmann unterrichtete die beiden Töchter „Julchen“ und „Minchen“ in Klavier und Gesang. Zu der anfangs erst dreizehnjährigen Julia fühlte er sich in einer an den Wahnsinn grenzenden illusorischen Liebe hingezogen. Wieder ein paar Schritte sind es zum Grünen Markt. Dort wohnte der Weinhändler Carl Friedrich Kunz. Hoffmann nannte den Weinkeller des gemütlichen Zechers „Katakomben“. Rittlings sollen die beiden auf voluminösen Fässern gesessen und sich mit Burgunder oder Roussillon zugetrunken haben.
Hoffmann selbst empfand seine Bamberger Jahre von 1808 bis 1813 durchaus nicht als glücklich. Misserfolg als Musikdirektor an einem chaotischen Theater, armseliges sich Durchschlagen mit Musikstunden und Rezensionen, vergebliche Versuche, anderswo eine bessere Anstellung zu finden, ein oberflächliches Kulturleben ohne geistigen Anspruch, die qualvolle fixe Idee der Liebe zu Julia Mark. Hoffmann war sich nicht bewusst, in welchem Maß er hier die Wurzeln zu literarischem und musikalischem Ruhm gelegt hat. Doch am 27. Januar 1809 notiert er im Tagebuch: „Meine literarische Karriere scheint beginnen zu wollen“: Seine erste Erzählung, „Ritter Gluck“, war von der renommierten „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ angenommen worden.
Wohl in der Hoffnung auf eine Anstellung in Würzburg komponierte er das „Miserere“, außerdem die Oper „Aurora“, deren Partitur bis heute im Würzburger Stadtarchiv einer szenischen Uraufführung harrt. In ihr finden sich die ersten Ausprägungen der musikalischen Romantik, die Hoffmann in seiner „Undine“ 1814 ausgeformt hat.
Diese Oper ist in einem Gastspiel des Theaters Poznan (Posen) jüngst im erneuerten E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg wieder einmal aufgeführt worden, doch die Inszenierung Uwe Drechsels hat nicht an romantisch-psychologische Tiefen gerührt, sondern sich in traulich-biederen Bildchen (Bühne: Ryszard Kaja) erschöpft. Bis heute harrt dieses Werk einer kongenialen zeitgenössischen Realisierung; die Musik, das hat Maciej Wiesloch mit dem Posener Orchester beweisen, wäre der Mühe wert.




