kunstvoll verlag Der Verlag hinter Leporello und Leporellino

Zaubern im Zeitlupentempo

Im Format „gegenwartsmoment“ gibt Thomas Kopp Einblick in seine Gedankenwelt

von Pat Christ (erschienen in Ausgabe 12/2011)

Thomas Kopp rodet die Tanzlandschaft. Übrig bleibt ein weißer Würfel. Ein Zauberer. Eine Handvoll Requisiten.

Wo wird denn da überhaupt noch getanzt? Wo bleibt die Geschichte? Will da einer die anderen mit auf die Spitze getriebenem Minimalismus auf den Arm nehmen? Alles fauler Zauber? Gewaltsames Entreißen auch der letzten Illusion? Verfremdung bis zur absoluten Unkenntlichkeit?

Doch wer wollte sich in diesen Chaos- und Krisentagen auch noch Sehnsüchte erlauben, Sehnsucht nach Schönem, Gewohnten, „Normalen“! So ist Kopps jüngstes Experiment im Format „gegenwartsmoment“ - „At the end you’re left alone and confused having to make your own story“ betitelt - ganz und gar stimmig.

Auf der mit leicht übertretbaren, weißen Streifen abgezirkelten Bühne des tanzSpeichers führt ein Zauberer nahezu im Zeitlupentempo seine Kunststücke vor. So dicht war man nie an einem Meister der Illusion dran. Was normalerweise im trickreichen Wirbel geschieht, wird entschleunigt präsentiert. Doch wir kommen immer noch nicht dahinter. Auch nicht beim dritten Mal.

So sphärisch und sanft Kopps jüngste Produktion daherkommt, wohnen ihr doch Brisanz und Sprengkraft inne. Ist es nicht genau so? Zaubern „sie“ uns nicht unermüdlich ihre Tricks vor, Tag für Tag, wohl wissend, dass wir niemals durchblicken werden - so dicht wir auch via TV dran zu sein vermeinen? Die Wiederholung ermüdet. Wir wenden uns ab.

Der Zauber geht weiter. Im Format „gegenwartsmoment“ durchbricht Thomas Kopp die Rituale der Choreographie, nimmt er sich das Recht heraus, zu thematisieren, was ihn - darum der Name - gegenwärtig umtreibt. Das Ganze begann 2004 damit, dass Kopp sich zehn Tage lang Zeit nahm, um zusammen mit ausgesuchten Tänzern das Phänomen „Bewegung“ zu ergründen. Dabei interessierte ihn nicht so sehr die Frage, wie sich ein Mensch respektive Tänzer bewegt respektive bewegen kann.

Sondern: Warum bewegt er sich genau so? Wo ist die Bewegung eingeübt und antrainiert? Wo ist ihr authentischer Kern? Mit dem Publikum als ein allzu oft als selbstverständlich hingenommenes Segment des Gesamtkunstwerks „Choreographie“ beschäftigte sich Kopp in „work 2“ seines experimentellen Formats. Mehr als jede andere künstlerische Darstellungsform, hatte er zuvor festgestellt, vermag Tanz die Zuschauer zu berühren - was auf die Tanzenden zurückwirkt.

Warum ist das so? Und wo verschwimmen die Grenzen zwischen Publikum und Akteuren? In „borderd“ begann Kopp, dieser Frage nachzugehen, in „pictures reframed“ setzte er die Suche nach dem, was an der Schnittstelle zwischen Zuschauer und Tänzer passiert, folgerichtig fort. Übrigens fällt am Ende nicht immer der Spot auf das, was Kopp in den zehn Experimentierphasen des Formats „gegenwartsmoment“ erprobt hat.

Experimentieren heißt schließlich, sich auf einen offenen Ausgang einzulassen. Und so ist Scheitern, wenn man das Nicht-zur- Aufführung-Kommen so nennen will, eingeplant. Einmal war dies bereits der Fall: „Was entstanden ist, war so emotional, das konnten wir nicht zeigen.“

INFO: In „work 4“ des Formats „gegenwartsmoment“ sind die Zuschauer ganz dich dran an einem Meister der Illusionskunst, www.tanzspeicherwuerzburg.de

Bildnachweis: Tanzspeicher

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