Der Verlag hinter Leporello und Leporellino
Ein Tralala-Angebot…
Ja, es ist ein Modewort. Von der
„Krise“ zu sprechen ist in und
gehört einfach dazu. Letztlich
wird überall gejammert. Aber es
gibt auch Krisen, die sich weitgehend
unbemerkt, schleichend,
geräuschlos vollziehen. Dass
Deutschland eine „Theaterkrise“
hat, wird in den Feuilletons seit Jahren
behauptet.
Es stimmt: Bühnen wurden fusioniert oder geschlossen, Orchester aufgelöst. Doch der Fokus ist hier in der Regel nur auf große Häuser gerichtet. Tatsächlich nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit kriselt es in der deutschen Theaterlandschaft auch im Kleinen und Kleinsten. Man muss sich eine Zahl vor Augen halten: Es gibt im deutschsprachigen Raum über 600 Städte und Gemeinden, in denen Theatergastspiele angeboten werden. Also Kommunen, die kein eigenes Ensemble unterhalten, aber über eine oder mehrere Spielstätten verfügen und Produktionen „einkaufen“.
Dazu gehören Städte wie Schweinfurt, dessen Theater zu den renommiertesten Häusern im Gastspielbereich zählt, aber auch sehr kleine Orte, die in einer Stadthalle oder in einem Kulturzentrum in oft bescheidenem Umfang Theater anbieten. Gerade diese „Zwerge“ im Kulturbetrieb, angesiedelt auf dem platten Land und anderswo, geraten zunehmend in die Krise. Denn es ist ja nichts Neues: An der Kultur wird allerorten zuerst gespart. Christian Kreppel, Leiter des Schweinfurter Theaters, kennt den sehr eigenen Zweig deutscher Theaterkultur, den Tournee- und Gastspielbereich, bestens. „Dieser Theaterbereich steht am Scheideweg“, sagt er. „Die Krise ist da. Immer mehr Veranstaltern geht die Luft aus.“
Das Theater der Stadt Schweinfurt ist Mitglied der INTHEGA, der Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen. Ihr gehören fast 400 Veranstalter in Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Im Vergleich zur vorherigen Spielzeit sind allein 2010/11 neun Kommunen ausgeschieden, weil sie ihre Theaterangebote eingestellt haben. Nahezu überall stehen Spielpläne und Budgets auf dem Prüfstand. Doch die quantitative Ausdünnung ist nur die eine Seite der Medaille.
Christian Kreppel weist besorgt auf die unmittelbare Folge dieser Entwicklungen hin: Die Qualität gehe flöten. Mit der INTHEGA arbeiten auf der anderen Seite nämlich auch nahezu 400 Anbieter von Theatergastspielen zusammen, also Landesbühnen, freie Tourneetheater, Gastspieldirektionen und diverse Agenturen. Die reagieren mit dem, was sie anbieten, natürlich auf die gesunkene Nachfrage – doch offenbar leider auf Kosten der Qualität. „Das Angebot wird zwar immer breiter“, sagt Christian Kreppel, „aber auch immer beliebiger“.
Wenn man sich in den entsprechenden Fachzeitschriften umsieht, wird klar, was gemeint ist. Da wird tatsächlich ein umfangreiches, buntes Sammelsurium angepriesen, aber es ist viel oberflächliche Mainstream- Unterhaltung dabei, die auf die sogenannte Event-Kultur schielt. Christian Kreppel drückt es ungeniert aus: „Das Angebot wird tralala!“ Ein renommierter Anbieter wie das Euro-Studio Landgraf, Garant für interessante Aufführungen mit hoher Qualität, musste die Anzahl seiner Produktion wegen fehlender Nachfrage bereits reduzieren. Was sich beispielsweise auf die Spielplangestaltung des Schweinfurter Theaters unmittelbar auswirkt, das seit Jahrzehnten mit dem Euro-Studio zusammenarbeitet.
Jede Krise sei eine Chance, heißt ein beliebter Allgemeinplatz. Es ist zu bezweifeln, ob das für die Theaterkrise auch gilt. Denn was im Bereich Kultur stirbt, ist meist für immer mausetot. Die INTHEGA jedenfalls ruft im Augenblick zu einer politischen Kampagne auf, um einen „Rettungsschirm für die Kultur“ aufzuspannen.
Doch man sollte sich nichts vormachen: Ein solcher Schirm wird von unberechenbaren Winden heftig gebeutelt werden – den Windbeuteln der Politik nämlich.




