kunstvoll verlag Der Verlag hinter Leporello und Leporellino

Nichts preisgegeben…

Schauspielerin Martina Gedeck im Luisengarten in Würzburg

von Susanna Khoury

Martina Gedeck als Ulrike Meinhof, Moritz Bleibtreu als Andreas Baader und Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin sind die Köpfe der Baader-Meinhof-Gruppe.

Als Ulrike Meinhof in dem Uli Edel Film der „Baader Meinhof Komplex“ nach Stefan Austs Standardwerk über den RAF-Terrorismus positioniert sie sich erneut als Schauspielerin der leisen Töne zu einem lauten Thema. Die Münchnerin Martina Gedeck, die ihre Kindheit in Landshut und Berlin verbrachte und im Berliner Max Reinhardt Seminar Schauspielkunst studierte, weist eine Filmografie mit fast 50 Produktionen aus allen Genres auf. Seit 1988 räumt sie alle Preise ab, die es in Film- und Fernsehen zu ergattern gibt. Sie kommt unauffällig daher, jedoch mit einer Intensität, die ihresgleichen sucht. „Weniger ist mehr“ scheint sie sich auf ihre Fahnen geschrieben zu haben und so entwirft sie ihre Charaktere, die entdeckt werden wollen, mit einer gezielten Zurückgenommenheit, die sie mit einem extrovertiert spielenden Pendant wie Moritz Bleibtreu als Andreas Baader noch imposanter aufblitzen lässt. Im „Baader Meinhof Komplex“ entwickelt sie sich von der politisch korrekten Journalistin zur Terroristin, die eher in den Tod geht bevor sie ihre Überzeugung verrät. 150 Minuten lang erlebt der Zuschauer eine Rebellin, die zur radikalen Anklägerin der politischen Missstände von 1967 bis zum „Deutschen Herbst“ 1977 wird. Eine Frau, die schwach und stark zugleich ist. Eine Frau, die letztendlich daran zerbricht, dass sie trotz aller Opfer nichts verändern kann und selbst zu jemandem wird, der sie nie sein wollte - mit dem Resultat, dass am Ende alle alles verlieren. Im Gegensatz zum preisgekrönten Oscarfilm „Das Leben der Anderen“, wo am Ende doch ein Hoffnungsschimmer als Dank für die Rebellion bleibt, endet der „Baader Meinhof Komplex“ im Scheitern aller Konzepte, sowohl der der politisch Mächtigen als auch der der Baader Meinhof Gruppe.

Dass sie die innere Zerrissenheit einer Person gut in Szene setzen kann, hat sie bereits 2004 in „Hunger auf Leben“, einem Film über die DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann, unter Beweis gestellt (Deutscher Fernsehpreis für die beste Hauptrolle für Martina Gedeck). Und auch am 19. November um 20 Uhr, wenn Gedeck im Veranstaltungszentrum Luisengarten aus den Briefen Brigitte Reimanns an ihre Eltern liest („Jede Sorte von Glück, Aufbau Verlag) wird man wieder den Atem anhalten, wie diese Schauspielerin es versteht, eine größtmögliche Annäherung an eine Figur herbeizuführen, ohne sich selbst aufzugeben. Nach „Hunger auf Leben“ schlüpft Martina Gedeck erneut in die Rolle der Kultautorin Brigitte Reimann, der Schriftstellerin und der leidenschaftlichen Frau, die durch Exzesse und Entgleisungen im Privaten auffiel, aber auch durch ihre Arbeit, die ihr Halt gab. Der Leser erfährt durch Reimanns ganz private Korrespondenz mit ihren Eltern en Detail alles über das Gefühlsleben der viermal verheirateten Frau von Zahnschmerzen über Treubrüche bis hin zu tiefsten Depressionen. „Brigitte Reimann ist eine Frau, die mir persönlich viel bedeutet. Sie ist ihrer Berufung gefolgt und hat sich nie auf ihrer Begabung ausgeruht. Sie hat über dem Handwerk nie die Poesie vergessen und über der Kunst nie das Leben: Das Hier und Jetzt!“, so Martina Gedeck. Und so werden die Zuschauer am 19. November in Würzburg einmal mehr eine Gedeck erleben, die advocatus diabolo spielt, alles erzählt, alles verrät, doch nichts preisgibt und einen mündigen Bürger zurücklässt, der sich selbst ein Urteil bilden muss…

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