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»Es klingt im Kopf«

Der Pianist Grigory Sokolov im Gespräch mit Leporello


Der zurückgezogen agierende Klangwerker Grigory Sokolov ist am 27. Januar 2005 erneut in Schweinfurt zu Gast.Unter anderem mit Beethovens Sonaten Nr. 11, B-Dur opus 22 und Nr. 111, c-Moll opus 32. Sein weiteres Programm gibt er wie gewohnt zu einem späteren Zeitpunkt bekannt.

Der Pianist Grigory Sokolov, 1950 in St. Petersburg geboren, verblüfft sein Publikum immer wieder durch überwältigende manuelle Technik und einen ungeheuer suggestiven Klang.

Er gastiert regelmäßig beim Kissinger Sommer und im Schweinfurter Theater.

Dort hat er während einer Arbeitsprobe "Leporello" ein Interview gegeben.

 

Herr Sokolov, was heißt üben für Sie?
Oh,Musiker üben nicht nur, wenn sie am Klavier sitzen. Sie üben 24 Stunden am Tag, auch durch Nachdenken über Musik. Es klingt im Kopf.

Träumen Sie von Musik?
Oh ja, es gibt Berufsträume. Die sind aber nicht angenehm, wenn man zum Beispiel ein neues Programm spielt oder zwischen Konzerten eine ziemlich große Lücke gehabt hat.

Wie suchen Sie die Stücke aus, die Sie spielen wollen?
Alles ist interessant. Wissen Sie, jedes Stück ist eine eigene Welt. Eine ganz eigene Welt. In der Musik gibt es keine Wiederholungen. Nicht nur eine Symphonie ist eine Welt, auch eine kleine Mazurka. Zum Beispiel Bach oder Beethoven. Das sind ganz verschiedene Planeten.

Wer ist dann für Sie der größte Planet?
Die Komponisten,die ich liebe,das sind Sterne der ersten Größe oder Lichtstärke.

Aber gibt es für Sie eine Art Obersonne?
Nein, für mich nicht. Aber es gibt Planeten, wo ich nicht so gerne hinfliegen möchte.Doch nicht viele. Liszt und Wagner gehören dazu.

Was macht große Musik aus?
In der Kunst ist nur interessant, was einzigartig ist, was man nicht vergleichen kann. Wenn man es vergleichen kann,ist es nicht interessant. Eine Kopie hat keinen Sinn in der Kunst.Jeder Künstler hat seine Welt, deshalb sind alle so verschieden.

Hören oder spielen Sie als Russe Musik anders?
Das spielt keine Rolle. Musik hat keine Geographie und keine Zeit. Gute Musik ist immer modern,wie auch Literatur oder Malerei.

Wie kamen Sie zum Klavierspielen?
Mit fünf, glaube ich. Man hat zuerst bemerkt, daß man mich gewaltsam wegziehen mußte, wenn ich Musik auf der Straße hörte. Zuhause habe ich dann Schallplatten dirigiert. Ich hatte ein Podium und einen Taktstock.Aber als ich ein Klavier bekommen hatte, habe ich den Traum vergessen,Dirigent zu sein. Alle Pianisten und Geiger beginnen ja heutzutage zu dirigieren. Ich hab das schon mit vier Jahren erlebt. Dann war Schluß.

Wer ist der Mensch Grigory Sokolov?
Niemand kann den Kern einer Persönlichkeit kennenlernen, auch nicht sich selber. Jeder Mensch ist auch eine Welt. Wenn man diese Welt verstehen würde,dann würde man den Kosmos verstehen. Aber man versteht es nicht. Über sich zu reden, ist absolut unmöglich. Wir kennen uns nicht selbst.Aber man muß den Mut haben, sich selber zu sein, der, der man ist.

Das Interview führte Leporello-Mitarbeiter Lothar Reichel.

15.10.2004
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